T. S. Ellerbäh


T. S. Ellerbäh
T. S. Ellerbäh

Die Figur von T. S. Ellerbäh und dessen Zeichnungen sind eine Phantasieprodukt, das ein geistreiches, kindliches Selbst verkörpert, das spielen will. Das Portrait zeigt einen Bub, einen Jungen, im Alter von etwa acht Jahren mit einem Stirnband, einer daran besfestigten Indianerfeder und einer Kriegsbemalung mit weißer Nasenspitze - durchaus zu verwechseln mit der Kuschelbemalung jener vom Stamme der Naseweisen ...

"Eines Tages kam es mir durch das Studium eines Werkes von Murdo MacDonald-Bayne in den Sinn, einmal etwas zu tun, was ich, gefühlt, seit meinem 8. Lebensjahr nicht mehr getan hatte - ich zeichnete. [...]", sagt Thomas Staudt in diesem Gespräch, während sich die Beiden, er und seine Figur, quasi wie bei einer Zeitreise das erste Mal persönlich begegnen, in einem Baumhaus in Kalleby und so ...

 

Post aus Kalleby

Postkarte von T. S. Ellerbäh aus Kalleby
Postkarte von T. S. Ellerbäh aus Kalleby

T. S. Ellerbäh hat mir eine Postkarte aus Kalleby geschickt und mich eingeladen, ihn in seinem Baumhaus im schönen Angeliter Dorf Kalleby zu besuchen. Zuvor müsse ich eine Parole enträseln. __U_E__O__E__E

Wenn das geschafft habe, solle ich in der Auffahrt im Wagen warten, nachdem ich zuvor drei Mal gehuppt hätte, schreibt er, bis ich seine Rauchzeichen sähe - dann dürfe ich mich mit meinen Gastgeschenken nähern ...

Ich stelle den Motor ab und parke den Wagen im Schatten eines kleinen Pavillons an einem matschigen Weg, den links Linden, ein Backsteinstallgebäude und ein Misthaufen sowie rechts jener märchenhafte Pavillion, eine Weißdornhecke und die Einfahrt zu einem stattlichen, etwas abseits gelegenen Haus säumen, wo Hühner laufen. Ich lassen das Fenster herunter und höre einen Zaunkönig, und nach einiger Zeit entdecke ich ihn sogar, er sitzt in der Weißdornhecke. Als ich aussteige, erblicke ich hinter der Hecke eine Rotbuche sowie eine frei wachsende Eibe. Ich drücke dreimal auf die Hupe ...

Die Rauchzeichen

Rauchzeichen
Rauchzeichen

... eine Zeit lang geschieht nichts. Während ich Ausschau nach etwas halte, sehe ich, wie seltsame Fliegen im Sonnenlicht scheinbar sinnlos um etwas schwirren, das ich nicht sehe, und eine Libelle huscht vorbei. Ich höre, dass irgendwo gedroschen wird, eine Melkmaschine anspringt, ein Hund bellt und eine Drossel schimpft. Es riecht nach Ernte, Mist, Erde und nach verbranntem Laub.

Der Rauch kommt aus östlicher Richtung aus dem Garten des zurückliegenden Hauses. Ich kann ihn deutlich unter zwei großen Linden aufsteigen sehen. Ich setze mich wieder ins Auto, fahre den matschigen Weg hinunter und gelange über eine Auffahrt zwischen zwei Eschen zum Haus. Auf einem Kieselweg, der bis zur etwa einhundert Meter entfernten Dorfstraße führt, parke ich den Wagen. Als ich aussteige, höre ich sogleich: "Bleichgesicht, du bist umzingelt! Parole!"

Ich hebe die Hände und sage: "Die Parole lautet BLUMENTOPFERDE."

Eine Zeit lang geschieht nichts und als ich mich umdrehe, sehe ich, wie er den zuvor auf mich gerichteten Bogen samt Pfeil zur Erde senkt. Er grinst und sagt: "Du kannst die Hände jetzt runter nehmen und das Naschen auspacken." Dann eilt er mit einem Indianergebrüll, das ein bisschen nach Jodeln klingt, zur Linde hin und ist im Nu in den Ästen.

Ich hole meinen Picknickkorb voller Naschkram aus dem Kofferraum und nähere mich der Linde, wo nun ein Seil mit einem Fleischerhaken zwischen den Ästen hinunter hängt, wo ich den Picknickkorb einhänge, der ebenfalls im Nu im Dickicht der Blätter verschwindet. Ich höre wie es knistert und nach kurzer Zeit: "Boah, du kannst raufkommen."

Im Baumhaus

Bäume
Bäume

Ich staune, wie leicht es mir gelingt, auf den Baum zu klettern, wobei ich von oben ein Kichern und den Kommentar, "Das konntest du früher schneller", höre. Ungefähr drei Meter über mir befindet sich eine Konstruktion aus Brettern, die fast die gesamte Breite des Baumes einnimmt. Als ich ein Schlupfloch hindurch erblicke, steckt er durch dieses seinen Kopf: "Warte, ich lass eine Strickleiter runter. Kopf weg!" Kaum hat er das gesagt, schnellt sie auch schon herab.

Oben angekommen, werde ich der enormen Größe seines Baumhauses gewahr. Ich kann darin aufrecht stehen und mich entlang unzähliger vertäuter Bretter rundum bis an den Rand des Baumes bewegen. Dem Wuchs der großen Äste des Baumes entsprechend gibt es Stellen von denen aus man den Himmel sehen kann und andere, die eine solide Überdachung aus vielerlei Material bieten. Ich entdecke einen kleinen Kanonenofen, wo sich säuberlich gestapelte Decken mit der Aufschrift BUNDESWEHR befinden. Ich fühle mich gezwungen, ihn zu fragen, ob er hier gelegentlich übernachtet und ahne die Antwort, als ich die vielen Dinge sehe, mit denen er sich umgibt. Pfeil und Bogen haben ebenso ihren besonderen Platz wie ein Sextant, ein Ferglas und verschiedene Taschenmesser. Ich sehe eine Taschenlampe, Streichhölzer, Schnitzereien und einen kleinen Grill. Neben einer kleinen Seilwinde und der Strickleiter steht ein Eimer mit Wasser, wo an einem Faden ein Kamm hängt. Ein Bett kann ich nicht entdecken, jedoch einen Bereich mit Kissen, wo er mich mit einer Geste bittet, Platz zu nehmen. Als ich es mir im Schneidersitz bequem gemacht habe, reicht er mir eine reich verzierte Pfeife, die er offensichtlich aus Erlenholz geschnitzt hat. "Das ist die Friedenspfeife, die müssen wir jetzt rauchen", sagt er und setzt sich zu mir und setzt sich, wo über ihm ein gerahmtes Bild mit zwei Bäumen und einer strahlenden Sonne hängt.

Die Freidenspfeife

"Du rauchst doch gar nicht", sage ich zu dem kleinen Kerl, aber er lässt sich nicht beirren.

"Los jetzt, wir tun so als ob, du fängst an", bestimmt er und greift in den Picknickkorb. "Du darfst auch mitnaschen."

Ich tue so, als würde ich an der Friedenpfeife ziehen und reiche sie ihm. Er macht dasselbe und so geht er dreimal, dann sagt er. "Nun ist gut. Schön, dass du an die Hitschler-Kaugummis und an die Bazooka Gums gedacht hast. Auch über das Caramac freu ich mich sehr. Danke!"

"Ich habe zu danken, dass ich hier sein darf", erwidere ich und merke dabei, dass ihn das ein wenig verlegen macht. Er springt auf, nimmt mich bei der Hand und flüstert: "Psst, ich muss dir was zeigen."

Er führt mich zu einer Stelle, wo in einem Nistkasten, den er gebaut hat, Spatzen nisten, und wir setzen uns auf einen Ast und sehen still eine ganze Zeit lang dabei zu, wie die Elternvögel ihre Jungen versorgen, während ein leichter Wind in den Blättern rauscht Dann huscht er wieder auf die Kissen und ruft: "Komm!"

Ich setze mich zu ihm und wir sehen uns lange wortlos an, wobei er nascht und grins und auch ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen, und als ich in den Picknickkorb greife, sagt er: "Hast dich gut gehalten, aber geklettert bist du wie ein chinesischel Leissack."

Spinnenweben

Spinnenweben
Spinnenweben

Es ist schön, wieder hier oben in der Linde zu sitzen und ich gratuliere mir innerlich zu diesem wunderschönen Baumhaus. Es ist, als wäre ein Teil von mir hier immer sitzen geblieben.

"Nachher, wenn Wind kommt", sagt er, "klettern wir in die Krone und lassen uns schaukeln."

Mir liegt ein, "Oh, ja", auf der Zunge, während ich über seinen Unternhemungsgeist staune. "Das schaffst du", sagt er, "ich helf dir!"

Ich frage mich, was er noch alles mit mir vor hat und krame in den Erinnerungen meiner frühen Jugend, während mein Blick abermals auf die vielen kleinen Dinge fällt, die es in diesem geräumigen Baumhaus zu bestaunen gibt. Um den ganzen Stamm herum hat er einen soliden Dachüberstand errichtet, an dem unter anderem Hühnergötter, Federn, Pfeilspitzen, Kochutensilien, Besteck, bunte Tüddelbänder, Traumfänger, ein Holzbohrer, Spinnenweben und ein paar Schuhe hängen. Um den Baumstamm herum hat er verschiedene Bretter befestigt, an denen kleine Kästchen angebracht sind. Für die gesamte Kontruktion scheint er keinen einzigen Nagel verwendet zu haben, denn alle Bretter sind angebohrt und über ein improvisiertes und dennoch auf mich sehr stabil wirkendens Tauwerk miteinander verbunden.

"Guck mal", sagt er und zeigt mir ein Radio, das er selbst aus Transistoren, Widerständen, Kondensatoren und vielen mehr zusamengelötet hat. "Damit kann ich auch den Polizeifunk hören!"

"Ich erinnere mich", sage ich, "aber der ist hier in Kalleby nicht besonders ergiebig."

Er grinst. "Stimmt, lass und Radio Ellerbäh spielen", und dann hebt er mit einer tieferen Stimme an, von der ich mich frage, ob es meine ist: "Hier ist Radio Ellerbäh, wir begrüßen heute einen ganz besonderen Gast bei uns im Baumhausstudio ... (mehr) [Playlist Nr. 140 Third World - Now That We Found Love] Später führen wir dann noch ein Interview miteinander (mehr).