Das Yoga des Christus, Leseprobe 3


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LESEPROBE - DAS YOGA DES CHRISTUS Seite 25 – 28 (Auszug)
Eine Leseprobe des TSV Flensburg, Thomas Staudt Verlag
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Murdo MacDonald-Bayne: Das Yoga des Christus (S. 25-28)

Also“, fuhr er fort, „erkennst du, dass das Ich, dass das Du bloß ein Bündel aus Erinnerungen ist, das sich selbst in Form von Denken projiziert. Das Denken und das Ich sind nicht getrennt; sie sind eins. Das kann weder die Wahrheit sein noch kann es die Wahrheit offenbaren. Doch wir müssen zu jenem kommen, was jenseits des Geistes liegt, jenseits der Erinnerung, jenseits der Zeit. Doch solange die Erinnerung funktioniert, kann es nur die Zeit geben, und die Zeit ist nicht die Wirklichkeit.

Ich antwortete weder auf die eine noch auf die andere Art, denn in jenem Augenblick wurde es klarer und eine Umwandlung fand statt – ich erkannte etwas, das ich zuvor nicht gesehen hatte. Ich konnte nun erkennen, dass der Geist bloß ein Produkt der Zeit war, der Erinnerungen, der Ideen; ich konnte erkennen, dass, um frei zu sein, der Geist einsehen muss, dass er nie die Wahrheit offenbaren kann. Sowohl bewusste und unbewusste als auch hohe und niedrige Erinnerungen konnten nicht offenbaren, was es darüber hinaus gibt. Ich konnte erkennen, dass der Geist – das Ich – nie die Wahrheit offenbaren konnte. Nur durch das endende Nachdenken über die Wahrheit konnte ich die Wahrheit erfahren. Als ich das erkannte, wurde mein Geist still, in keiner erzwungenen Stille, sondern in einer Stille, die aus der Freiheit kam. Ich wünschte nicht länger, irgendetwas zu sein. Die Sehnsucht zu werden, war verschwunden; mein Geist könnte sich selbst nie in die Wahrheit umwandeln; auch könnte er die Wahrheit nicht finden.Um die Wahrheit zu offenbaren, musste er still sein. Dann gab es eine Stille, die nicht aus der Zeit stammte, eine Stille, die nicht erzwungen war oder genötigt, sondern eine Stille, die durch das Verstehen dessen kam, dass in jener Stille das Wirkliche lag, dass das Unbekannte ins Sein gelangte, wenn der Geist aufhörte zu plappern. Das war die Schaffenskraft. Ich hatte keine Sehnsucht nach einem Ergebnis. Alles Handeln endete, das Denken endete, und das war die höchste Form des Denkens, weil es nun die Schaffenskraft gab. Mein Denken war nicht länger der Ausdruck der Erinnerung, der Vergangenheit, dessen, was ich für wahr oder nicht wahr hielt. Ich sah die Dinge wie sie waren und war nicht länger in ihnen verstrickt. Alle intellektuelle Aktivität stoppte. Ich irrte nicht länger umher und stellte mir Fragen. Nun gab es weder das Denken noch den Denker, weder die Erfahrung noch den Erfahrenden. Es gab jetzt keine Erfahrung aus der Erinne­rung heraus, aus der Zeit. Es gab nur einen Zustand des Erfah­rens, in dem die Zeit verschwunden war. Gestern, Heute und Morgen waren gänzlich erloschen; sie existierten nicht wirklich, außer im Geist. Der Geist, nicht länger in der Zeit gefangen, war zeitlos, und das, was zeitlos ist, ist ewig, ohne einen Anfang, ohne Ende, ohne Ursache und deswegen ohne Wirkung, und das, was ohne Ursache ist, ist wirklich. Der Vater führt seine eigenen Taten aus. Hier lag die Schaffenskraft – die Vollständigkeit.

Ich erkannte nun, dass die Wahrheit unmittelbar war, der Geist, das Produkt der Zeit, war vollkommen erloschen. Unmittelbar da ich erkannte, dass alles Denken aus der Zeit stammte, konnte jetzt jedes menschliche Problem gelöst werden, nicht in der Zeit, sondern jetzt, denn die Wirklichkeit besaß kein Problem. Nur der Mensch erschuf eigene Probleme, und das Wissen darum war der Weg sie zu lösen.

Ich konnte erkennen, dass alle menschlichen Probleme das Ergebnis der Erinnerung waren, der Erfahrung, der Zeit. Ich wusste, dass die Erinnerung sie nicht lösen konnte; sie konnten nicht auf ihrem eigenen Level gelöst werden. Wenn die Erinnerung endete, waren sie jetzt mit einem Mal gelöst. Sie existierten im Zeitlosen nicht; nur in der Zeit existierten sie, und die Zeit existierte nicht, außer im Geist, wo das Problem existierte. Wenn Gott ist und es nichts Anderes gibt, lösen sich alle menschlichen Probleme in Liebe und Gottesweisheit auf.

Als ich das erkannte, gelangte die Schaffenskraft ins Sein und ich wusste, dass alles gut war. Die Unendlichkeit war die einzige Wirklichkeit. Ich war kein bloßer Automat, sondern ein aktives schöpferisches Prinzip, das überall existierte und keinen Anfang und deshalb auch kein Ende besaß. Jetzt wusste ich, was die Kenntnis des Ichs bedeutete. Das Ich existierte in der Wirk­lichkeit nicht, und dessen gewiss, wusste ich, dass die Wirklichkeit die Befreiung war.

Daher ist jetzt die einzige Zeit. Es gibt kein Morgen, kein Gestern – wenn diese die Gegenwart bewölken, ist das Jetzt nicht verwirklicht. Deshalb ist die Meditation kein Mittel der Konzentration, was eine Schrumpfung bedeutet, Ausschluss und Begrenzung. Meditation bedeutet Freiheit, die Freiheit von der Zeit.

Jetzt wusste ich, dass es nur Einen gab – den ewig Neuen. Es gab keine Dualität, keinen Gegensatz, keine Sehnsucht, kein Verlangen, keine Vergangenheit, keine Zukunft, all das stammte aus dem Geist, das war das Ich, das in der Trennung lebte. Der Vater und ich waren eins, das Yoga des Christus war das einzig wahre Yoga. Das Ich und das Mein lösten sich jetzt auf, nur das Ganze war wirklich: Der Tropfen wurde zum Ozean. Ich wusste jetzt, was der Meister meinte, als er sagte: „Der Vater und ich sind eins.“ Das war keine Idee, sondern die Wirklichkeit. Das Denken konnte nie das Wirkliche erschaffen, weil das Denken aus der Zeit stammte; auch konnte das Denken nicht das Zeitlose offenbaren. Ich wusste das jetzt. Nur wenn das Denken, das Produkt der Erinnerung, erlosch; wenn das, was sich fortsetzte, zu einem Ende kam, gelangte das Unvergängliche ins Sein.

In dieser Stille, die nicht erschaffen war, gab es ein von der Erinnerung befreites Sein, befreit von der Zeit, von Augenblick zu Augenblick bestand das Allgegenwärtigejetzt.

Ich wusste, dass es kein höheres oder niedrigeres Ich gab; auch das war eine Teilung, eine bloße gedankliche Schöpfung. Ganz egal auf welchem Level, dieses Ich war bloß eine Idee, denn die Idee von der Zeit war eine Illusion.

Gerade dann kamen mein Freund und der Abt zu uns herüber und setzten sich neben uns. Mein Freund sagte: „Wir warteten, bis wir euch wieder in die Welt der Zeit zurückkehren sahen, bevor wir euch störten."