Jenseits des Himalaya


Leseprobe Kapitel 1

Leseprobe

   „Es kann keine Freiheit durch die Bewältigung irgendeines Systems geben, denn das würde dich bloß noch fester binden als du es ohnehin schon warst. Eine wahre Meditation heißt, das zu enthüllen, was jenseits des Denkens liegt. Ein bestimmtes System hindert dich am Verstehen, denn es ist bloß eine Selbst-Hypnose, die bindend und zerstörend ist.“

   Dann schwieg er, derweil ich begann meine Gedanken neu zu ordnen. Ich ergriff als erster das Wort, ich sagte:

   „Die Sache wird mir langsam klarer.“

   „Ja“, fuhr er fort, „in der Freiheit allein liegt wahre Schaffenskraft und der Geist muss frei aller Glaubensvorstellungen, Systeme und Disziplinen sein, frei aller Art von Konditionierung. Dann kannst du durch deine eigene Schaffenskraft wirken und nicht durch den Glauben oder die Idee eines anderen, was dich nur zum Nachahmer macht. Indem du des ganzen Prozesses des Denkens gewahr bist, wirst du dich kennenlernen, und das führt zur Freiheit. Wenn du bloß einen Glauben oder eine Idee hast, kannst du nie wissen, was jenseits dessen ist, aber wenn du weißt, was ein Glaube, was eine Idee ist, kannst du darüber hinaus gelangen, und dort wirst du das finden, was wirklich ist, was keine Idee und kein Glaube ist, sondern eine Lebendigkeit, die ewig und allgegenwärtig ist.“

   Ja, mein Denken klärte sich. Ich wurde meine Ideen, meine Glaubensvorstellungen, meine Philosophien los. Es fand eine Reinigung statt, und ich wusste es. Ich dachte gerade darüber nach, wie ich meine Dankbarkeit zeigen könnte, als er folgende Worte äußerte:

   „Die Dankbarkeit entspringt dem Glauben an eine Trennung zwischen dir und der Wirklichkeit, aber es gibt keine Trennung. Sie ist bloß die Illusion des Denkens, das in der Trennung gefangen ist, in Glaubensvorstellungen, in Ideen und Ähnlichem.“

   Dann sagte er: „Ich habe dich in einer Ecke meditierend sitzen sehen, wo du versuchtest, unter Ausschluss aller anderen Dinge dein Denken auf ein Bild oder eine Idee zu fokussieren, aber du warst in dieser Art nie erfolgreich. War es nicht so, dass andere Gedanken in dir aufstiegen und einen Konflikt verursachten? Es kann niemals eine Ruhe inmitten eines Konfliktes geben. Der Konflikt muss enden, bevor die Ruhe herrscht. Die Ruhe entsteht niemals aus dem Konflikt. Nur wenn du ihn verstehst, verschwindet er. Die Ruhe ist der natürliche Zustand des konfliktfreien Denkens!

   Ist es nicht so“, fuhr er fort, „dass du sehr viel Zeit und Energie in diesen aufwendigen Kampf des Konfliktes gesteckt und am Ende nichts gewonnen hattest? Du produziertest gedankliche Bilder, aber die waren Illusionen, keine Meditation, die zur Freiheit und zur Entdeckung dessen führt, was über das Denken hinaus geht, was allein schöpferisch ist.“

   „Oh!“, dachte ich; ich holte tief Luft, ich fühlte die Freiheit, nach der ich gesucht hatte und seine Worte klangen mir wieder im Ohr: „Es macht nicht viel aus, ob es wahr ist oder nicht.“ Ich hatte versucht, aus einer Idee die Wahrheit zu machen, die Wirklichkeit aus einer Idee zu bilden, und es hatte nicht gelingen können.

   Dann sagte er: „Die Wirklichkeit wird nicht im Denken erzeugt. Die Wirklichkeit ist. Du machst sie nicht, sie gelangt ins Sein, wenn dein Denken befreit ist, und nicht vorher. Dann wirst du wissen, dass du die Wahrheit bist, dass du das Leben selbst bist.“

   Ich konnte nun mehr verstehen als ich jemals in all den Jahren meines Lebens verstanden hatte. Ich fühlte die Freude in Freiheit zu leben. Ich konnte es nicht in Worte fassen – es gab etwas Wirkliches, das ich nicht definieren konnte, aber ich wusste, dass ich lebendig war, dass das, was ich in meinem Denken produzierte, nicht die Wirklichkeit war.

   Die Schaffenskraft war innen und nun konnte ich sie sich selbst ausdrücken lassen, und je freier ich von Glaubensvorstellungen wäre, von Systemen und von Ideen, desto größer würde sie werden. Das konnte ich jetzt erkennen! Das war die Freude und ich konnte mich nicht bremsen. Er sah es, denn er sagte mit seiner lieblichen Stimme:

   „Sohn, das ist alles, was es gibt.“

   „Ja“, sagte ich, „meine Meditation war bloß eine Form von Selbst­-Isolation, in der ich meine privaten Erinnerungen trug, meine privaten Erfahrungen, die ich nicht verstanden hatte. Ich weiß nun, dass mein Denken nie frei von jener Konditionierung sein konnte, bevor ich sie verstand.“

   „Ja“, sagte er, „lass‘ es mich mal so sagen, du hast dein Denken durch die ständige Wiederholung von Worten in einen Zustand der Selbst-Hypnose gezwungen. Aber das Denken, das in jenen Zustand gezwungen wird, ist tot. Eine wirkliche Meditation ist ein wahrer Ausdruck des Lebens. Du hattest dein Denken bloß abgestumpft und als der Zustand endete, war deine Konditionierung noch offensichtlicher, oder?“

   Ich wusste, dass es zutraf. Warum hatte ich das nicht vorher erkennen können? Ich dachte nach. Wieder wusste ich, dass er meine bloßen Gedanken las.

   „Ja“, fuhr er fort, „du musst die Wege des Ichs erkennen, deine Gedanken, indem du ihrer unpersönlich gewahr bist, dich in deiner Beziehung zu anderen betrachtest und dabei die Dinge, über die du sprichst, gerade so, als ob du einen Anderen beobachtest. Dort, in diesem Zustand, liegt der Widerhall deiner Konditionierung, die du vorurteilsfrei, furchtlos und unkonditioniert beobachten kannst. Auf diese Weise wirst du dich selbst entdecken, du wirst sehen, wie du dich selbst durch deine Furcht, deine Verurteilung, deine Kritik und deinen Widerstand konditioniert hast, denn das ist die Vorgehensweise des Ichs.

   In dieser Freiheit kommt es weder zu Konflikten noch zu Illusionen. In diesem Prozess kommt es zu wahrer Meditation.“

   Dann sagte ich: „Ich erkenne, dass die Freiheit, die die Wahrheit ist, nicht durch die Suche nach ihr ins Sein gelangt, sondern durch das Verstehen der gesamten Struktur des Ichs mit all seinen Sehnsüchten und Vorurteilen, seiner Konditionierung und seinen wertgeschätzten Illusionen, und wenn diese erkannt und verstanden sind, lösen sie sich auf und was übrig bleibt, ist die Wirklichkeit – das wirkliche Ich.“

   „Ja, das ist wahr“, antwortete er. „Die Meditation ist die Entdeckung des wirklichen Ichs, nicht getrennt von anderen Ichs, sondern jenes Ich, das ganz und vollendet ist, das ohne eine Konditionierung irgendeiner Art ist. Jene Erfahrung ist die wahre Meditation.

   Wenn du erkennst, dass dein konditioniertes Denken einen Anfang und ein Ende im Ich hat, als das Produkt der in Fesseln liegenden Denkweise, dann herrscht die Stille, keine Stille, die gewollt ist oder das Ergebnis einer Hypnose, sondern eine Stille, die nicht aus der Zeit stammt, eine Stille, die nicht erschaffen wurde, sondern jene Stille, in der die Ewigkeit offenbart wird, wobei diese Stille die Ewigkeit selbst ist.

   In dieser Stille liegt das Stadium der Schöpfung. Es handelt sich um die Stille, die der Meister kennt und die auch du kennenlernen wirst. Wirklich ist das Zeitlose, nicht durch Erinnerung oder Erfahrung konditioniert, wo es keinen Konflikt gibt.

   Deshalb ist es, ohne zu verstehen, wie du dich selbst konditioniert hast und bloß dein Denken zwangst zu meditieren, eine Verschwendung von Zeit und Energie, wobei nur weitere Illusion erzeugt wird. Deine Gedanken zu erkennen, wie sie aufsteigen und deine Fesselung zu verstehen, ist der Anfang der Weisheit. Wenn du dich selbst nicht verstehst, ist es bedeutungslos zu meditieren, denn was immer du projizierst, es entspricht doch deiner eigenen Konditionierung und jene ist offensichtlich nicht die Wirklichkeit.“

   Ich war nun gewahr, gewahr der Mächtigkeit der Wirklichkeit. Ich war gewahr der mächtigen Kraft, die er besaß und in jener Demut wusste ich, dass Gott sich selbst vollkommen ausdrücken konnte. Seine Gegenwart vermittelte mir dasselbe Gefühl, aber ich könnte es nicht in Worte fassen.

   Er stand auf und segnete mich. Er fühlte, wie sehr ich ihn liebte, denn er sagte: „Niemand kommt zu mir, es sei denn durch die Liebe Gottes.“

   Nachdem er fort war, war ich sprachlos. Es war, als ob so etwas wie eine große mächtige Kraft gekommen war und mich mit einem Gefühl für sie verlassen hatte, wobei ich wusste, dass das Gefühl wachsen würde, wenn ich mehr Freiheit gewinnen würde.

   Ich traf ihn am Morgen meines bevorstehenden Aufbruchs in den Himalaya wieder und er sagte mir, dass er mich in Yatung wiedertreffen würde. Aus Gründen, die Sie später verstehen werden, bat er mich ausdrücklich darum, seinen Namen in meinen Schriften nicht zu nennen.

ENDE KAPITEL I.

Murdo MacDonald-Bayne: Jenseits des Himalaya

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3. Auflage April 2014

Softcover, A5 

212 Seiten

ISBN 978-3-943313-88-8

28,00 €

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"Das Yoga des Christus" (mehr) ist die Fortsetzung von "Jenseits des Himalaya" - in diesem Buch beschreibt er die Zeit mit seinem "Freund" in dessen Zuflucht und dessen Lehre im Detail.

 

Beide Bücher können unabhängig voneinader gelesen werden.