Brief 77 vom Februar 1954: Unser Wissen ist relativ – wirklich ist das Unbekannte



Vor 70 Jahren versendet Murdo MacDonald-Bayne den folgenden Brief von Johannesburg aus in alle Welt:

Meine lieben Freunde, die Monate vergehen so schnell und die Größe des Werkes, das jeden Monat geleistet wird, ist erstaunlich. Wenn ich die vielen Briefe lese, die Sie einsenden und in denen Sie mir von den wunderbaren Ergebnissen erzählen, weiß ich, dass überall eine Intelligenz am Werke ist, sonst wären keine Ergebnisse möglich.
Wir beginnen diese großartige Wahrheit zu erkennen, dass Gott, da er unendlich ist, überall sein muss und dass es keinen Ort geben kann, an dem er nicht ist, und dass alles in ihm sein muss, denn es kann nichts ohne ihn geben, weil er seiner Natur nach unendlich ist.
Ich war beeindruckt von den vielen Briefen in diesem Monat, in denen Sie schrieben, wie Sie sich auf die monatlichen Briefe freuen und wie nach deren Erhalt alles hell erscheint und das Leben keine Plackerei mehr ist.
Gott ist für mich kein abstraktes Wesen, das irgendwo in der Ferne ist, unbekannt, sondern eben die Lebendigkeit, von der „ICH BIN“, und da das so ist, bin ich stets eins mit ihm und worum ich in dem Wissen bitte, dass er überall und in mir und in Ihnen gleichzeitig ist, werde ich empfangen, denn er vollbringt das Werk.

Ich habe kürzlich zwei neue Bücher geschrieben, die beide sehr bald erhältlich sein werden. Das eine Buch heißt „Ihr täglich erneuertes leben“ und das andere Buch heißt „Jenseits des Himalaya“, jenes Buch, von dem ich versprach, dass ich es über meine Erfahrungen mit den Meistern in Tibet schreiben würde. Wenn diese Bücher fertig sind, erfolgt eine Ankündigung im Zufluchtsbrief.

Jetzt, da ich Ihnen so ausführlich geschrieben habe, ist leider nur noch sehr wenig Platz für Auszüge aus Ihren Briefen, die Sie uns in diesem Monat haben zukommen lassen. Hier also nur einige Auszüge:
„Wir warten gespannt auf Ihren monatlichen Brief. Er ist uns eine Freude und ein Trost für den Rest des Monats. Tatsächlich haben wir ihn mehrmals gelesen. Gott segne Sie für Ihre wunderbare Inspiration.“ S. R.
„Mein lieber Freund, ich weiß, dass ich Sie meinen Freund nennen darf, denn Sie sind uns allen ein wirklicher Freund. Die Worte der Weisheit in Ihren monatlichen Briefen sind unvergleichlich, und sie sind eine solche Hilfe in unserem täglichen Leben. Gott segne Sie.“ G. B.


Unser Wissen ist relativ – wirklich ist das Unbekannte [5]

„Macht die Liebe zu eurem Ziel und setzt dann euer Herz auf GEISTIGE Gaben.“ 1. Korintherbrief 14: 1

Das Bild zeigt blau unterlegt den Text zu Fußnote [5]
Fußnote 5 (siehe oben, Überschrift: Unser Wissen ist relativ – wirklich ist das Unbekannte [5])

Ist es nicht so, dass wir ständig nach einer intellektuellen Vorstellung von der Wahrheit streben, damit wir so zu einer Schlussfolgerung über sie kommen können? Wenn wir zu einer Schlussfolgerung kommen, werden wir sie nie verstehen, denn Schlussfolgerungen sind ein Hindernis für das Verstehen.
Um das zu erreichen, was wirklich ist – das Unerschaffene, das allein schöpferisch ist – müssen wir zuerst alles Wissen, alle konditionierten Erinnerungen und alle Schlussfolgerungen beiseite legen. Darin allein liegt die Freiheit von der Konditionierung aus der Vergangenheit, von Überzeugungen, von Vorstellungen usw. Das Zeitlose können wir niemals durch die Zeit verwirklichen – das ist unmöglich.
Kann der Geist jemals frei von Konditionierungen, Einflüssen und Nachahmungen sein? Er kann nur frei von dieser Konditionierung sein, wenn man versteht, was diese Konditionierung ist. Das Denken, das ein Ergebnis ist, kann das, was kein Ergebnis ist, nicht verstehen.

Weil das Denken nicht verstehen kann, dass wir zu Schlussfolgerungen kommen, bauen wir eine Mauer um uns herum auf. Wenn wir verstehen können, was Wissen ist, was Denken ist, werden wir weder daran gebunden sein noch werden wir zu Schlussfolgerungen kommen, die unser Verstehen verhindern.
Es ist vergleichsweise leicht, auf das Physische, auf die Dinge der Welt zu verzichten, aber es ist für den Intellektuellen viel schwieriger, seine Schöpfungen des Geistes beiseite zu legen.
Aber kann ohne die Aufgabe dieser mentalen Schöpfungen das Wirkliche erlebt werden, das jenseits aller mentalen Schöpfungen liegt und alles übersteigt, was der menschliche Geist diesbezüglich ersinnen kann? Wenn wir nicht all unser spekulatives Denken über die Wirklichkeit beiseite legen können, werden wir die Wirklichkeit niemals verwirklichen. Die Wirklichkeit wird nur erlebt, wenn der menschliche Geist in vollkommener Ruhe ist, wenn alles Denken aufgehört hat.
Die vollkommene Spiegelung kann auf dem See nur gesehen werden, wenn die Oberfläche vollkommen ruhig ist. So ist es auch mit dem menschlichen Geist. Der menschliche Geist muss aufhören, aus seinem eigenen Sammelsurium etwas zu erschaffen, so dass das Unerschaffene – Liebes-Weisheit, die allein schöpferisch ist – erlebt wird.
Wir erkennen jetzt, dass uns unsere Ansammlungen und Schlussfolgerungen nicht zur Weisheit führen, sondern lediglich unser dummes Ich aufrecht erhalten. Ein Geist, der mit angesammelten Formulierungen belastet ist, ist nicht dazu in der Lage, der schnellen Bewegung des Lebens zu folgen – und er ist nicht in der Lage, seiner eigenen Dummheit zutiefst und geschmeidig gewahr zu werden. Aber sobald einen solchen Geist das Gewahrsein des Falschen erreicht, beginnt dieser Geist sich zu befreien, und in dieser Freiheit herrscht eine Stille und in dieser stillen Ruhe ist das Wirkliche.
Wenn wir erkennen, was Wissen ist, werden wir erkennen, dass es unvollkommen ist. Paulus sagt, „Denn unser Wissen ist unvollkommen und unsere Prophezeiung ist unvollkommen, aber wenn das Vollkommene kommt, wird das Unvollkommene vergehen.“
Wenn wir unsere Gedanken betrachten, werden wir sehen, dass wir nur an das Relative denken können. Wir können zwar Vorstellungen von der Wirklichkeit haben, aber die sind keine Wirklichkeit. Im Verlauf unseres Wissens können wir das Relative verstehen, und wenn wir das Relative verstehen, können wir erkennen, was unser Erleben der Wirklichkeit verhindert.
Wir haben den Geist unterteilt, entsprechend der Ordnung der Psychologen, und wir akzeptieren daher, was sie sagen, ohne das Gesagte aus unserer eigenen Erfahrung heraus zu überprüfen. Was wir für wahr halten, akzeptieren wir, und unsere Schlussfolgerungen entspringen der Akzeptanz unserer Überzeugungen. Wir können jetzt klar erkennen, dass selbst unsere Schlussfolgerungen bezüglich des Relativen unser Wissen über das Relative einschränken.

Es heißt, dass der Geist in verschiedene Abteile unterteilt ist. Die Hauptteile seien der bewusste und der unterbewusste Geist. Bei unseren Untersuchungen können wir nur das Relative, nicht aber die Wirklichkeit untersuchen, aber bei unseren Untersuchungen können wir ein weitreichendes Arbeitswissen erwerben, das nicht nachahmend, sondern gewissermaßen frei ist, so dass neues Wissen vorurteilsfrei behandelt werden kann.
Nun bitte ich Sie nicht, das, was ich sage, strengstens zu akzeptieren, sondern es sorgfältig anhand Ihrer eigenen Erfahrungen zu prüfen. Ich möchte auch nicht, dass Sie das, was ich sage, als absolute Tatsache wiederholen, weil unser Wissen begrenzt ist. Es kann keine Endgültigkeit in Bezug auf das Wissen geben. Das Wissen von heute weicht stets dem neuen Wissen von morgen, daher muss der Geist geschmeidig gehalten werden, frei von Starrheit und Nachahmungen.

Das Bild zeigt blau unterlegt den Text zu Fußnote [6]
Fußnote 6 (siehe unten: ... Experimente in Forschungslabors bewiesen. [6])

Der bewusste und der unterbewusste Geist sind in Wirklichkeit nicht getrennt, der eine ist aktiv, der andere passiv. Was wir bewusst glauben, wird vom Unterbewusstsein akzeptiert. Im Unterbewusstsein befindet sich der Mechanismus, der die Körperfunktionen über das Nervensystem steuert. Das Gehirn ist die Wurzel des Nervensystems, das Gehirn ist auch das physische Instrument des Geistes mit bewusster und unbewusster Aktivität.
Gedanken werden daher durch chemische Abläufe zu Handlungen im Körper. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass unsere Gedanken die Gewebestruktur beeinflussen. Das haben nicht nur wir selbst, sondern auch unabhängige Experimente in Forschungslabors bewiesen. [6]
Mit diesem Verstehen wissen wir, dass der menschliche Geist keine eigene Kraft hat, weil er relativ ist. Aber dieser Glaube an die Kraft des menschlichen Geistes hat sich in die verschiedenen Philosophien und psychologischen Schriften eingeschlichen, mit dem Ergebnis, dass die Akzeptanz dieses Glaubens viele leidenschaftliche Studenten daran hinderte, darüber hinaus zu gehen. Darum sage ich, dass Sie Nachahmer sind, wenn Sie den Glauben anderer Menschen akzeptieren, was Ihren Erwerb neuen Wissens verhindert.
Materie besitzt keine eigene Kraft, weil sie Geist in einer gröberen Form ist. Geist und Materie sind nicht getrennt, sie sind austauschbar. Der Geist ist eine Substanz, in der sich unsere Gedanken manifestieren.
Um wirklich schöpferisch zu sein, muss das Denken frei von Konditionierungen sein, das heißt, es muss frei von seiner eigenen Unwissenheit sein, es muss frei von seinen eigenen Erfahrungen, frei seinem konditionierten Gedächtnis und frei von Vorurteilen und all diesen Bedingungen sein.

Unser Denken kann aus unseren Reaktionen auf Dinge und Menschen resultieren, aus unserem begrenzten Wissen, aus unseren Über-zeugungen, aus unseren Schlussfolgerungen, aus unserer Angst und so weiter. Wenn wir jedoch erkennen können, wie es entsteht und wie es beeinflusst wird, können wir es befreien. Wenn wir das nicht verstehen, werden wir in viele Schwierigkeiten geraten, die wir selbst verschuldet haben.
Der Geist ist von Natur aus passiv, er akzeptiert und reflektiert, was das Bewusstsein fühlt. Denken ist die Projektion jenes Gefühls, deshalb leiden wir unter unseren eigenen Gedanken. So wird der Geist zur Form, wenn Gedanken und Gefühle in ihn eingespeist werden.

Murdo MacDonald-Bayne: 14 Briefe aus der Zuflucht der Stillen Heilkraft 1954/55

14 Briefe aus der Zuflucht 1954/55

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Schöpferisches Denken ist die im Gang befindliche universale Intelligenz, frei von einer Konditionierung – das ist Liebe und Weisheit. Liebes-Weisheit steht über dem Geist, doch der Geist ist das Instrument, durch den sie ausgedrückt wird. Sie tritt in Kraft, wenn der Geist in Frieden ist, wenn vollkommene Stille herrscht. Diese Stille wird nicht durch eine Kontrolle unseres Denkens erreicht, sondern durch die Unterscheidung dessen, was wir denken und wie wir denken, was unsere Gedanken sind und wie sie entstehen. Wird das Falsche erkannt, stirbt es; im Tod des Falschen entstehen Leben, Liebe und Weisheit.
Der Geist ist wie der Boden – wenn wir einen Samen säen, produziert die Intelligenz seinesgleichen. Es sind unsere falschen Überzeugungen, die verhindern, dass das Wirkliche gedeiht. Diese Überzeugungen sind wie Unkräuter, die das Wirkliche ersticken. Gedanken sind Samen auf der Ebene des Geistes, die ihresgleichen reproduzieren.
Nun ist das Denken an sich nicht schöpferisch – es ist vielmehr das Bewusstsein, das schöpferisch ist. Geradeso wie der menschliche Geist nicht schöpferisch und dennoch das Mittel ist, durch das die Schöpfung stattfindet.
Wenn wir etwas verstehen, stört es uns nicht mehr. Nur wenn wir etwas nicht verstehen, steigt der Gedanke daran immer wieder auf, um uns damit zu konfrontieren.
Der Christus ist die Weisheit Gottes im Menschen, er ist das Wort, das am Anfang war, das Wort, das bei Gott war, und dieses Wort war Gott. Niemand kann dem Menschen diese Weisheit nehmen, und dennoch ist der Mensch eine Zeit lang geblendet – durch seine Unkenntnis seiner eigenen Ansammlungen, die diesen wahren Ausdruck des Christus belasten.
Wenn der Mensch beginnt, sich selbst zu verstehen, verschwindet seine Verwirrung und sein Vertrauen kehrt zurück. Dann wird er wirklich schöpferisch, mit dem Ergebnis, dass er alles erreicht, indem er seine wahre GEISTIGE Natur verwirklicht, frei von Habgier und Aberglauben.
Zu dienen, heißt zu empfangen – nicht dass wir dienen, um etwas zu empfangen, denn das würde eine Trennung bedeuten. Das Wissen darum, dass wir eins mit der Wirklichkeit sind, kann nur erlebt werden, wenn wir erkennen, was nicht die Wirklichkeit ist. Wenn der Geist frei ist, wird das Unendliche verwirklicht und es manifestiert sich in seiner eigenen Schöpfung.
Wenn der Ausscheidungsprozess unseres Körpers verstopft ist, werden wir krank – es ist dasselbe mit dem Geist. Man muss frei von Ein- und Ausflüssen sein.
Durch die Ruhe des Geistes wird das Bewusstsein der Wirklichkeit zur Schaffenskraft des Menschen – zum Kanal für den Ausdruck des Ganzen. Das wusste der Meister, als er sagte, „Wenn ihr mich gesehen habt, habt ihr den Vater gesehen.“
Zur Stille kommt es, wenn sich das Falsche aufgelöst hat. In dieser Stille und diesem Frieden bewegt sich die unendliche Intelligenz still in ihrer eigenen Schaffenskraft. Die Weisheits-Liebe erschafft ihren eigenen vollkommenen Glückszustand, denn sie ist die Freude selbst, und wir treten in unser Erbe ein. „Sohn, du bist stets bei mir, was ich habe, ist auch dein.“
Wir sehen daher, was wir tun müssen – wir müssen unsere Grenzen, unsere Versklavung und unser Selbstmitleid aufgeben. Wir werden nicht mehr an sie glauben. Wir setzen nichts Anderes an ihre Stelle, wie es uns von denen angeraten wird, welche die Wahrheit nicht kennen, denn wir würden nur einen Fehler durch einen anderen ersetzen. Wir werden diese Dinge auflösen, indem wir die Trennungen verstehen, tritt die ewige Wahrheit – das Allgegenwärtige – an ihre Stelle. Wir ringen nicht darum, an einer Vorstellung festzuhalten, denn wir wissen, dass eine Vorstellung nur eine weitere Formulierung unseres Geistes ist. Das Zeitlose ist im Jetzt allgegenwärtig, wir erschaffen es nicht.
Wir brauchen nicht an der „Vorstellung“ unserer göttlichen Natur festzuhalten, wir wissen, dass wir göttlich sind. Egal welche Probleme wir durch unser falsches Denken erschaffen haben, wir sind nun nicht mehr konditioniert, weil wir verstehen, wie wir konditioniert wurden, und in diesem Verstehen kommt es zur Auflösung eben dieser Konditionierung.
„Er hat keine Angst vor schlimmen Nachrichten, er vertraut dem Ewigen mit festem Herzen.“ Psalm 112: 7

Danksagung / Gebet

Oh, göttlicher Geliebter, du bist im Inneren geduldig geblieben, während ich mich an alles geklammert habe, was falsch war.
Da ich unwissentlich einem Muster folgte, das von anderen gemacht wurde, konnte ich nicht selbst denken.
In der Vergangenheit war ich in die Vorstellungen von Gut und Böse verwickelt und erreichte die Tiefe der Verzweiflung.
Als ich deine Allgegenwart erkannte, erkannte ich auch, dass das Falsche aus meinem eigenen Geist stammte. Dann offenbarten mir deine Liebe und Weisheit, dass ich eins mit dir war.
Von nun an werde ich darauf achten und dafür beten, dass allein deine Schönheit in mir strahlt, oh, göttlicher Geliebter.

 

MEIN FRIEDEN UND MEINE LIEBE BLEIBEN BEI IHNEN


Ergebenst Ihr,
M. MacDONALD-BAYNE